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  Chaosforschung/Synergetik - die Lehre vom Zusammenwirken


. . . Während es bis vor kurzem noch schien, als würde die selbständige Entstehung von Strukturen den Prinzipien der Physik widersprechen, stellt dieses Buch einen Wendepunkt des Denkens dar. Ausgangspunkt hierfür ist die Erkenntnis, dass auch in der unbelebten Materie neuartige, wohlgeordnete Strukturen aus dem Chaos herauswachsen und unter ständiger Energiezufuhr aufrechterhalten werden können. Das vorliegende Buch liefert hierfür höchst anschauliche Beispiele aus Physik und Chemie, wie z.B. die Ordnung im Laser, Bienenwabenmuster bei Flüssigkeiten oder chemische Spiralwellen. Wie wir bereits anhand dieser Beispiele sehen werden, liegen der Bildung von Strukturen allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten zugrunde. Diese Einsicht ermöglicht es uns dann, uns mit noch schwierigeren Problemen zu befassen, etwa der Frage, wie die Musterbildung von Zellen in Tieren gesteuert wird, wie kollektive Verhaltensweisen von Firmen das Wirtschaftsgeschehen bestimmen können oder nach welchen Regeln sich eine öffentliche Meinung in der Gesellschaft bildet.
. . . Wir werden erkennen, dass es das kollektive Verhalten vieler einzelner Individuen, seien es Atome, Moleküle, Zellen, Tiere oder Menschen, ist, die durch Konkurrenz einerseits, Kooperation andererseits ihr eigenes Schicksal indirekt bestimmen. Dabei werden sie oft aber mehr geschoben, als dass sie selbst schieben. In diesem Sinne kann die Synergetik als eine Wissenschaft vom geordneten, selbstorganisierten, kollektiven Verhalten angesehen werden, wobei dieses Verhalten allgemeinen Gesetzen unterliegt. Wenn eine Wissenschaft Aussagen von großer Allgemeingültigkeit macht, so hat dies sogleich auch einige wichtige Konsequenzen. Die Synergetik erstreckt sich auf ganz verschiedene Disziplinen, wie etwa Physik, Chemie, Biologie, aber auch Soziologie und Ökonomie. Aus diesem Grund werden wir erwarten, dass die von der Synergetik beschriebenen und entdeckten Gesetzmäßigkeiten mehr oder minder verborgen in verschiedenen Disziplinen schon vertreten sind. . . .
(Sachbuch zum Thema Synergetik: Erfolgsgeheimnisse der Natur - Hermann Haken, 2000)

 
 


Simulation des Finanzmarktes
. . . Sornette, Franzose, Physiker und Leiter des 2007 gegründeten Financial Crisis Observatory an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, hat einen kühnen Plan: Er will beweisen, dass Finanzkrisen nach ähnlichen Gesetzen funktionieren wie Erdbeben, epileptische Anfälle und Explosionen von Treibstofftanks in Raketen.
Abstrus? Scharlatanerie? 2004 prognostizierte Sornette, die Immobilien-Blase in den USA werde sich bis Mitte 2006 aufblähen. Er lag richtig. Anfang Juli 2009 sagte er, der Shanghai Composite Index, der wichtigste Aktienindex Chinas, werde zwischen dem 17. und 27. Juli abstürzen, spätestens aber am 10. August. Es geschah am 5. August.
Das könnte Zufall gewesen sein. Oder Glück. Doch der Professor ist zuversichtlich, dass mehr dahinter steckt. „Wir wollen einen Paradigmenwechsel in der Ökonomie herbeiführen“, sagt er. „Gelingt es, wäre es eine Revolution, so bedeutsam wie der Darwinismus für die Biologie oder die Quantenmechanik für die Physik!“
. . . Angefangen hatte es mit Raketen: Im Auftrag des Luftfahrtkonzerns EADS untersuchte Sornette Anfang der neunziger Jahre, unter welchen Bedingungen Treibstofftanks von „Ariane“-Raketen explodieren. Er entwickelte das Modell der „superexponentiellen Signatur“: Kleine Schäden potenzieren sich gegenseitig in ihrer Wirkung, bilden größere Risse und wirken so im Kollektiv auf die Explosion hin.
Ganz ähnlich, behauptet Sornette, sei es bei einem Erdbeben, einem epileptischen Anfall oder einer Finanzblase: Das Prinzip sei stets „positives Feedback“, ein sich selbst verstärkender Prozess. Das große Ereignis geschehe nicht aus heiterem Himmel; es sei der Höhepunkt einer Entwicklung, die in der Umgebung stattgefunden habe, „und zwar in Form von Kaskaden, Dominoeffekten, Lawinen“.
Eine Spekulationsbase etwa besteht darin, dass eine Aktie umso begehrter wird, je höher ihr Preis steigt. Die Käufer imitieren einander, verstärken gegenseitig ihre Kauflust. Sornette zufolge ist auch dies eine „superexponentielle“ Entwicklung, die nach ähnlichen Gesetzen funktioniere wie der explodierende Treibstofftank. . . . Und wie erkennt man nun eine Blase, bevor sie platzt? . . . „Die Kunst besteht darin, Computermodelle zu finden, die superexponentielle Muster zwischen all den normalen Schwankungen entdecken." . . .

(Der Spiegel – 3/2010)

 
 


Die Simulationsprogramme der Hedgefonds

. . . Heutige Hedgefonds-Manager sitzen nicht zusammen und diskutieren darüber, ob griechische Sparpläne sinnvoll sind, ob Thailands Regierung sich halten kann oder ob Angela Merkel ja oder nein sagt. Sie füttern vielmehr ihre Maschinen mit immer neuen Daten, speisen Material in Computer ein, deren Festplatten ohnehin schon randvoll sind mit Zahlen, und sie – die Maschinen, gestützt auf mathematische Modelle – spucken aus, was in dieser oder jener Situation am besten zu tun sei.
Eingespeist wird alles, was an wirtschaftlichen Statistiken zu haben ist, und zwar am besten zurück bis an den Beginn der Menschheit. Die Computer dieses Londoner Hedgefonds werden, auch wenn das klingt wie ein Scherz, mit Bankdaten aus dem 17. Jahrhundert gefüttert, mit Haushaltszahlen der florentinischen Republik zu Zeiten der Renaissance, mit Marktstatistiken aus Kriegs- und Krisenzeiten. Wie haben sich britische Staatsanleihen während der Französischen Revolution entwickelt? Welchen Einfluss hatte der Krim-Krieg? Welche Phasen hatte die Hausse vor dem Ersten Weltkrieg? Wie verlief der Absturz nach dem zweiten Golfkrieg?
Aus dieser unfassbaren Datenfülle, einem unvorstellbaren Zahlensalat, lassen sich, das ist die Hoffnung, Muster ableiten, wiederkehrende Verläufe, Wahrscheinlichkeiten künftiger Entwicklungen, Strukturen des menschlichen Herdentriebs. Man übersetzt Hoffnung und Angst, Gier und Vorsicht in Zahlen. Dass europäische Staatschefs Beschlüsse fassen, dass sie Rettungspakete für Griechenland schnüren, ist den Maschinen, sozusagen, ziemlich egal. . . .

(Der Spiegel – 19/2010)

(Der beschriebene Hedgefonds wickelt seine Geschäfte zu 95 Prozent vollautomatisiert ab. Die Hälfte des laufenden Budgets geht in die hauseigene Forschung. Knapp zwei Drittel aller Börsenaktivitäten in den USA werden über den automatisierten Hochgeschwindigkeitshandel abgewickelt.
Dieser Computerhandel hat am 6. Mai 2010 einen „Blitz-Crash“ des Dow Jones mit einem Einbruch von fast 1000 Punkten innerhalb weniger Minuten ermöglicht. Ein Preisfehler könnte die die Kettenreaktion verursacht haben. Bald danach wurde eine Art Notbremse eingeführt. Ab einer Kursschwankung von 10 Prozent innerhalb von fünf Minuten wird der Handel der jeweiligen Aktie für fünf Minuten ausgesetzt.)

 
 
Projekt FuturICT: Globale Simulation von Wirtschaft und Gesellschaft
. . . Der Risikoforscher Dirk Helbing von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich plant ein elektronisches Gehirn, das die Zukunft der Gesellschaften berechnen soll: Wann kollabieren Banken? Wo brechen Kriege aus? Welche Regime gehen unter?
(Etwa 300 Informatiker, Soziologen, Ökonomen und Mathematiker sollen für das Projekt arbeiten. Helbing hat sich um EU-Fördergelder in Höhe von einer Milliarde Euro beworben.)
. . . Er (Helbing) setzt nicht zuletzt auf das Allwissen des Internets: In sozialen Netzwerken wie Facebook breiten viele Frauen und Männer ihre Ängste und Sorgen aus, sie googeln ihre Fragen in die Welt und twittern ihren Alltagsärger. Die Menschheit hat sich gleichsam unter ein riesiges Mikroskop gelegt – die Wissenschaftler müssen nur zuschauen und die Daten auswerten. Helbing nennt das „Reality Mining“.
. . . Krisen, glaubt Helbing, kündigten sich immer frühzeitig an. Lange bevor der arabische Frühling ausbrach, hätten die Menschen in Tunesien oder Ägypten im Internet bereits ihren Unmut über ihre Herrscher geäußert. . . . Mit ihren Supercomputern wollen die Gelehrten aber nicht nur rechtzeitig erkennen, ob dramatische Ereignisse bevorstehen. Es soll auch getestet werden, wie sich Krisen aufhalten oder abschwächen lassen.
. . . Klingt das nicht reichlich größenwahnsinnig? „Wir sind nicht naiv“, sagt Helbing. Der Physiker ist sich bewusst, dass menschliche Gesellschaften schwerer zu berechnen sind als das Wetter von morgen. „Wir sagen ja nicht, dass wir alle Probleme lösen können; aber manchmal hilft es schon, wenn man an ein paar Stellschrauben dreht.“

(Der Spiegel – 42/2011)
 
 

 

(Copyright f. Illustration: Günther Geiger, 2004)

 
 
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