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Die graue Masse


Beton, der Stein des Anstoßes

. . . In allen Erdzeitaltern entstanden betonartige Gesteine . . . nichts hat den Siegeszug dieses Baustoffes aufhalten können. . . . nichts geht mehr ohne die gräuliche Pampe, die schnell und dauerhaft zu Stein erstarrt. . . . Politiker werden in den Medien als Betonköpfe bezeichnet oder einer Betonfraktion zugerechnet. . . . Beton selbst ist weder gut noch schlecht. Entscheidend ist immer, was man damit macht. . . .
(Sonderdruck aus Geo - 9/98; Beton, der Stein des Anstoßes)


Politik

Castortransport: Vier Blockierer betonierten sich ein - sie mussten es einfach machen
. . . Die breiten Rücken von gut zwei Dutzend Beamten in Kampfanzügen versperren ihr den Blick auf ihre Tochter. "Ich habe davon gewusst, ich habe geredet und geredet, aber ich habe sie nicht aufhalten können. Sie musste das einfach machen." . . . Einen Arm haben sie jeweils bis zur Schulter in ein Rohr gesteckt. Dieses Rohr ist fest in einem ein Kubikmeter großen Klotz einbetoniert. An dessen Boden haben sie ihre Hände festgekettet, so dass sie die Verbindung selbst nicht lösen können, erklären sie den Polizisten. . . . Als erstes montieren die Beamten eine Eisenbahnschwelle heraus und graben das Schotterbett frei. Sie rücken mit Schlagbohrern, Hämmern und Meißeln an. . . . Zentimeter für Zentimeter kämpfen die Polizisten gegen den harten Beton. . . . Sie haben friedlich erreicht, was mehrere hundert Gewalttäter in der Nacht zuvor nicht geschafft hatten: den Castor zu stoppen. Für knapp 18 Stunden zumindest. Gestern am späten Nachmittag nämlich rollte der Transport weiter. Die Randalierer hatten sich unter friedliche Demonstranten gemischt und die Polizei mit Steinen beworfen. Die Beamten reagierten mit Wasserwerfern, es gab Verletzte auf beiden Seiten. Immer wieder versuchten friedliche Demonstranten, Ruhe in die Aktionen zu bringen, doch meist ohne Erfolg. . . .
(Augsburger Allgemeine© - 29.3.01)

109 Stunden „Castortransport 2011“ – noch nie hat er länger gedauert
. . . 20.30 Uhr (Sonntag 27.11.2011): Die Polizei versuchte vergeblich, die Atomkraftgegner mit technischem Gerät von ihrer Betonpyramide zu lösen. Schließlich nahm die Einsatzleitung Verhandlungen mit den angeketteten Castor-Gegnern auf, weil die Polizei sich in zumutbarer Zeit nicht in der Lage sah, die vier zu befreien. Die Beamten befürchten auch, dass die drei Männer und eine Frau durch die Befreiungsversuche zu Schaden kommen könnten. Die Landwirte hatten sich am Sonntagmorgen mit einer komplizierten Konstruktion an die Schienen gekettet.
22.55 Uhr: Nach rund 15 Stunden haben die vier Atomkraftgegner im niedersächsischen Wendland ihre Blockade des Castor-Transportes aufgegeben.

(abendblatt.de., Liveticker – 27.11.2011)

(Castor-Gegner Herbert Waltke): . . . Das ist in der Tat schon die vierte Generation der Pyramide. Früher haben wir die Strecke mit Treckern blockiert, seit ein paar Jahren bauen wir Betonpyramiden. Dies ist die Erste, an die nicht nur Menschen gekettet wurden, sondern die auch mit den Schienen verbunden war.
Wie müssen wir uns das vorstellen?
Die Pyramide besteht aus zwei Teilen. Einem größeren äußeren Mantel und einem kleinen inneren Klotz, beide aus Stahlbeton und nur durch unsere Arme miteinander verbunden. Wenn die Polizei die Pyramide einfach anheben würde, würde der innere Klotz stehen bleiben und so die Arme verletzen. Man muss also erst die komplette Pyramide außen abtragen, um an den Innenteil zu gelangen.
Haben Sie eine bestimmte Betonmischung benutzt und wie haben Sie die Pyramide auf die Schienen bekommen?
Es ist nicht die Mischung, sondern die Konstruktion, die es ausmacht. Wir nennen das wendländische Ingenieurskunst und tüfteln mit 20 Leuten bis zu einem Jahr daran. Gebaut wird sie dann an einem geheimen Ort. Diese Pyramide war 800 Kilo schwer, wir haben auch schon 1,5 Tonnen bewegt. Wie wir sie zu den Schienen bringen, ist aber ein Betriebsgeheimnis, um die nächsten Aktionen nicht zu gefährden.
Sind die Pyramiden Patente oder werden die Baumodelle für andere Castor-Gegner im Netz veröffentlicht?
Wir müssen der Polizei immer einen Schritt voraus sein, deswegen gibt es keine Anleitungen im Netz und die Pyramide ist jedes Jahr anders gebaut. Wir wissen auch noch nicht, ob wir im nächsten Jahr wieder eine Pyramide bauen oder etwas anderes. Bislang ist uns immer noch etwas Neues eingefallen. . . .

(Mindener Tagblatt Online – 29.11.2011)

Rechtsextremismus in der Wirtschaftskrise
(Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung)
. . . In der neuen Studie „Die Mitte in der Krise. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010“ heißt es, mittlerweile befürworte mehr als jeder Vierte eine starke Partei, die die „Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“, mehr als jeder Zehnte wolle einen Führer, der „Deutschland zum Wohle aller mit harter Hand regiert“, und etwa jeder Zehnte halte eine Diktatur für „die bessere Staatsform“
. . . Die aus ihrer Sicht rechtsextremen Einstellungen fanden die Forscher auch bei Wählern demokratischer Parteien sowie Mitgliedern von Gewerkschaften und Kirchen. . . .

(Augsburger Allgemeine – 14.10.2010)


Gesellschaft

It's a blue world - die Schlümpfe lassen die Kassen klingeln
(Die Film-Produktionsgesellschaft Sony machte in dem südspanischen Dorf Júzcar Werbung für ihren neuen 3-D-Film „Die Schlümpfe“. Dazu ließ sie im Frühsommer 2011 alle Gebäude des Dorfes blau anstreichen, einschließlich Rathaus, Kirche und Friedhof. Das Dorf wurde zur Touristenattraktion. Laut des Presseberichts vom 27.12.2011, haben die 250 Dörfler jetzt demokratisch bestimmt, dass sie ihre blauen Fassaden behalten wollen.)
. . . Nun klingeln die Kassen wie nie zuvor in diesem Nest, das sich gerade zum ersten Schlumpfdorf der Welt erklärte. . . . Sie wollen weiter mit ihren blauen Fassaden leben. Auch weil plötzlich so viele Besucher in ihr Provinznest strömen wie bisher in einem ganzen Jahrhundert. . . .
(Augsburger Allgemeine – 27.12.2011)

Noch mehr „blue world“: Brescello – Drehort der Filmreihe „Don Camillo und Peppone“
. . . Die beiden stehen noch heute davor (Kirche und Rathaus) – als Bronzestatuen, so, als habe man einen ihrer Filme angehalten. Vorm Rathaus Giuseppe Bottazzi, genannt Peppone. . . . Mit dem Parteiblatt „Unitá“ in der Tasche, den Hut in der Hand grüßt er schräg über den Platz in Richtung Kirche zum bronzenen Don Camillo.
. . . 50 000 Besucher kommen pro Jahr nach Brescello – nur wegen Don Camillo und Peppone. Sie sind die einzige Attraktion des schmucken 5000-Seelen-Dorfs zwischen Po und Parma, und zwar an jeder Ecke: Das im Film vorkommende „Caffé Ristorante Italia“ heißt heute „Don Camillo“, die ehemalige „Central Bar“ ein paar Häuser weiter ist längst umgetauft in „Caffé Peppone“. Natürlich gibt’s Sandwich und Gnocchi, benannt nach den Filmhelden, ebenso wie Steine, Frühstücksbretter, Kalender und Teller mit ihren Konterfeis in Souvenirläden. Im Fotogeschäft posiert gerade ein Besucher vor einer Kamera und lässt sein Bild anschließend in eine Filmsequenz mit Don Camillo und Peppone hineinmontieren.
. . . Nach einem witzigen Begrüßungs-Scharmützel ziehen die beiden (Don Camillo- und Peppone-Darsteller) mit ihren Gästen zunächst über den Camillo- und Peppone-Rundweg zu diversen Filmschauplätzen und dann ins nahe Filmmuseum. Eine private Ausstellung mit viel Liebe zum Detail . . . Der reale Pfarrer hat den eigens für die Dreharbeiten angefertigten Gekreuzigten mit zwei auswechselbaren Jesusköpfen – einer todtraurig, der andere verschmitzt – nicht rausgerückt, sondern weihen und in einer Seitenkapelle der Kirche ausstellen lassen. Wer sie bisher betrat, hörte oft ein schnarrendes „no photo“ vom Küster. Es sei denn, der Küster hörte vorher ein paar Münzen in den Spendentopf klimpern. . . .

(Augsburger Allgemeine, Reise-Journal – 13.3.2012)

Yankees und Rednecks
(Die Begriffe stammen aus der Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs. „Yankee“ bezeichnet einen Nordstaatler und „Redneck“ oder „Hillbilly“ – was ungefähr so viel heißt wie Hinterwäldler – einen Südstaatler.)
. . . Tretet den Abschaum aus dem Norden mit Füssen!“, heißt es noch heute in der Staatshymne von Maryland, und die Staatsflagge von Georgia sieht fast genauso aus wie die der Südstaaten – auch 150 Jahre nach dem Bürgerkrieg zwischen Nord und Süd in den USA. Die Kriegsflagge der Konföderierten findet sich noch in der Fahne von Mississipi und auf unzähligen Stoßstangen, T-Shirts und Haustüren des Südens. Die Spuren der Konföderierten (Südstaaten) sind nicht zu übersehen. Nur Folklore oder steckt mehr dahinter?
. . . In den USA identifizieren sich die Menschen bis heute entlang der Konfliktlinie Nord-Süd aus der Zeit des Bürgerkriegs: „Einige denken hier schon noch, dass wir zwar den Krieg verloren haben, aber doch die Kultivierteren waren, die Southern Gentlemen“, sagt Eric Emerson (oberster Historiker von South Carolina) schulterzuckend. „Und wenn hier einer aufgeregt hupt, sagt mancher: Ach ein Yankee.“
. . . Marion Edmonds (Historiker aus Atlanta) sieht Parallelen zwischen den Südstaaten und Deutschland. „Da war etwa zur gleichen Zeit ein Bürgerkrieg zwischen Nord und Süd, wenn auch unserer viel blutiger war“, sagt er in Anspielung auf den Krieg zwischen Preußen und Österreich 1866. „Und nach dem Ersten Weltkrieg war bei euch der Schock des Verlustes wie bei uns fünfzig Jahre zuvor.“ Emerson sieht noch ganz andere Parallelen: „Meine Frau arbeitet in einem amerikanischen Werk von Mercedes-Benz, deshalb kenne ich viele Deutsche. Und wenn die Norddeutschen über die Österreicher und Bayern reden und umgekehrt, denke ich jedes Mal: Schau an, wie bei uns.“

(Augsburger Allgemeine – 20.12.2010)

Der langsame Siegeszug des Bikinis
(Am 5. Juli 1946, lies der Maschinenbauingenieur Louis Réard im Pariser Nobelbad „Molitor“ seinen Bikini von einer Nackttänzerin vorstellen.)
. . . Vor 65 Jahren also kam der Bikini in Mode. Der „Stofffetzen mit Schnüren“ wurde in vielen Badeorten verboten. Marilyn Monroe sorgte zwar 1953 im Bikini für Aufsehen, ebenso Brigitte Bardot, im selben Jahr in Cannes in einem rosa karierten Modell – doch erst ab den 1960er Jahren wurde er langsam salonfähig. Ganz langsam. . . .

(Augsburger Allgemeine – 5.7.2011)

Indische Traditionalisten kämpfen gegen die Ausbreitung des Valentinstagsbrauchs
. . . Arrangierte Hochzeiten, bei denen Eltern die Ehepartner ihrer Kinder aussuchen, sind gang und gäbe. Dass Mann und Frau in der Öffentlichkeit ihre Zuneigung zeigen, gilt als Tabu. Viele junge Inder, besonders die gut ausgebildeten, wollen aber inzwischen selbst über ihr Liebesleben entscheiden, wie es in Amerika und Europa Usus ist. Sie feiern den 14. Februar, den Tag der Liebe – und erzürnen damit Traditionalisten.
. . . Nach Indien gelangte der Tag der Liebe durch die multinationalen Konzerne und die Globalisierung der letzten 20 Jahre. Besonders junge Inder der Mittelschicht haben ein Bewusstsein für einen westlichen Lebensstil entwickelt – was gesellschaftliche Veränderungen nach sich zieht.
. . . Die Beliebtheit des Valentinstag in Indien spiegelt die Sehnsucht nach selbstbestimmter Liebe wider. Die wird nun seit einigen Jahren im Schaufenster präsentiert. Kitschige Karten mit Valentinstagsmotiven, Kuscheltiere und Blumen werden im Namen der Liebe verkauft. Hotels bieten Specials an, Restaurants sind am 14. Februar voll. Das Geschäft boomt. Indische Medien sprechen vom „Blitzkrieg der Liebe“.
Konservative Hindus indes sehen den Trend nicht gerne. Der Valentinstag untergrabe die Autorität der Eltern und die Tradition. In der Vergangenheit hat es bereits Übergriffe auf junge Pärchen gegeben. Gestern verwüsteten radikale Hindus in der Stadt Amritsar Läden, die Valentinstagsgeschenke verkaufen.
(Der Brauch kam im 15. Jahrhundert in England auf. Durch englische Auswanderer kam der Brauch nach Amerika und von dort wiederum durch US-Soldaten ins Nachkriegsdeutschland.)

(Augsburger Allgemeine© – 14.02.2011)


Alkohol

Zum Feiern gehört Alkohol
Nichts war’s mit dem hollywoodreifen Gag zur Milleniums-Nacht: Eine drei Meter große Olive sollte auf einem Hoteldach in San Francisco in ein sieben Stockwerke hohes Martini-Glas rutschen. Dieser Plan ist vorerst auf Eis gelegt und auf das nächste Jahr verschoben worden. Michael Cassidy, der Manager des Westin St. Francis-Hotels, erklärte, man habe sich nach Rücksprache mit Bürgermeister Willie Brown und Pfarrer Cecil Williams entschlossen, das Scheinwerferlicht am Union Square in diesem Jahr ganz den Gläubigen zu überlassen. Die Stadt an der kalifornischen Küste rechnet mit etwa 20 000 Teilnehmern an einer meditativen „Andacht für den Frieden“. Nach Ansicht von Pfarrer Williams hätte die Martini-Aktion das Vorurteil bestätigt, dass zu einer Feier Alkohol gehöre. Und in seiner Gemeinde gebe es viele Alkohol- und Drogengefährdete.
(Augsburger Allgemeine© - 13.12.99)

Welch triste Epoche, in der es leichter ist, ein Atom zu zertrümmern als ein Vorurteil.
(Albert Einstein)

Saufen will gelernt sein
. . . Ganz am Alkohol vorbei kommt fast kein Jugendlicher, da fängt man besser früh an, Mäßigung zu üben. So dachte es sich die schleswig-holsteinische Koordinationsstelle schulische Suchtvorbeugung (KOSS) und richtete Workshops in den Schulen ein – unter dem Titel "Saufen will gelernt sein". Studien beweisen, dass Jugendliche gerade zwischen dem 13. und 14. Lebensjahr Entscheidendes für den Umgang mit Alkohol lernen. In den Workshops werden den Schülern die gesundheitlichen Folgen von Alkoholkonsum und Rausch erklärt, später wird darüber diskutiert, was sie sich vom Alkohol erwarten und welche Alternativen es gibt . . .
(Die Schüler bekamen die Aufgabe, sich zwei Wochen lang selbst zu beobachten. "Wer trinken lernen will, muss es ausprobieren", meinte ein KOSS-Mitarbeiter.)
(Der Spiegel© - 40/02)

Studie: Alkohol verbessert die sozialen Kontakte und das Einkommen
. . . Wer regelmäßig Alkohol trinkt, verdient besser. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Christopher Auld, Professor an der Universität Calgary in Kanada. . . . Moderate Trinker verdienen über zehn Prozent mehr als Abstinenzler. Sogar starke Trinker verfügen über ein sechs Prozent höheres Einkommen als Arbeitnehmer, die keinen Tropfen anrühren. Der bunte Abend in Bar und Kneipe, geht aus der Studie hervor, verbessere den Kontakt zu den Kollegen – und nicht zuletzt zum Chef. So gilt grundsätzlich, dass soziale Kontakte mit Alkohol und mehr Einkommen einhergehen. . . .
(Der Spiegel© - 27/02)

„Wasatch-Brauerei“ möchte dass die Mormonen ihre Geschmacksnerven taufen
. . . Mitgieder der Mormonengemeinde im US-Bundesstaat Utah fühlen sich durch eine Werbekampagne für Bier beleidigt. Unter dem Motto "Polygamie-Porter - warum nur eines haben?" habe die Wasatch-Brauerei Anleihen bei der Mormonenkultur genommen. In einem Staat, in dem 70% der Bevölkerung keinen Alkohol trinken, seien zur Umsatzsteigerung besondere Werbemaßnahmen nötig, verteidigte Firmengründer Greg Schirf die Kampagne. Mehrere Werbeträger haben die Verbreitung des Slogans verweigert. Frühere Slogans der Firma wie "Utahs andere Religion" oder "Taufen Sie ihre Geschmacksnerven" hätten keine vergleichbare Reaktion hervorgerufen. . . .
(Donaukurier© - 31.10.01)

Queen Mum’s Geburtstag – ein Volk prostet ihr zu
. . . Als sie geboren wurde (1900), regierte noch Queen Viktoria, das Jahrhundert krabbelte aus der Wiege. Zwei Weltkriege vergingen, das Jahrhundert hat sich bereits wieder verabschiedet, doch sie ist immer noch da, unerschütterlich und trinkfest, eisenhart und immer freundlich: Queen Mum. Am Freitag (4.8.00) feiert sie ihren 100. Geburtstag, und ein ganzes Volk prostet ihr zu. . . .
(Augsburger Allgemeine© – 3.8.00)

. . . Ein penibler Biograph hat einmal zu notieren versucht, was Queen Mum pro Tag konsumierte . . . zur Dämmerstunde ein, zuweilen zwei steife Gin Tonic, danach wieder Wein und Sherry, und als Betthupfer ein Gläschen Schampus. Man fühlte sich erinnert an das einsame Gelage im „Dinner for One“. Gestandene Männer mussten sich am Tischtuch festhalten, wenn Queen Mum die Puppen tanzen ließ. Schnaps ist Schnaps und Dienst ist Dienst war jedoch die Devise der Königinmutter, und nie gab es Pannen oder gar peinliche Affären zu notieren. . . .
(Augsburger Allgemeine© - 2.4.02)

WM 2002: Trinkfreudige englische Fußballprofis
. . . Wenn die Engländer bei der WM so spielen, wie sie trinken, werden sie Weltmeister. 60 000 Euro lautete nach drei Tagen Vorbereitungsaufenthalt in einem Hotel in Dubai die Rechnung an der Hotelbar - 160 Euro pro Nacht und Delegationsmitglied. . . .
(Augsburger Allgemeine© - 21.5.02)

England weiter im Sturztrunk
. . . Während die Polizei sogar Hauptstraßen abriegeln musste, um die Schnapsleichen bergen zu können, und die Notaufnahmen der Krankenhäuser aus allen Nähten platzten, hielt eine der wichtigsten Mitarbeiterinnen von Tony Blair der Nation eine Gardinenpredigt. „Wir leben offenbar in einem Land, in dem sich die Menschen gerne besaufen“, kritisierte die Kabinettsministerin Hazel Blears und gab damit gleichzeitig eine schwere Niederlage zu. Den Kampf gegen den Alkoholismus hatte die Labour-Regierung nämlich ganz oben aufs politische Programm gesetzt.
. . . Mit der Freigabe der Öffnungszeiten in den Pubs hatte man sich Besserung versprochen. Nach dieser Silvesternacht wurden Hoffnungen auf eine Rückkehr zum gesitteten Genuss erst mal zurückgestellt.
. . . Wenn die frühe Sperrstunde entfällt, so die Theorie, sollte das eigentlich auch dem Wettsaufen gegen die Uhr ein Ende bereiten. Ein gutes Jahr später war jetzt die Zeit gekommen für ein kleinlautes Geständnis. So einfach war es wohl doch nicht. „Es ist wohl die angelsächsischen Mentalität“, behauptet Hazel Bleairs jetzt, „wir testen gerne die Grenzen des Risikos.“
(Das Öffnungsgesetz war ein Relikt aus dem Ersten Weltkrieg. Die Arbeiter der Rüstungsindustrie sollten morgens pünktlich und nüchtern zur Arbeit erscheinen.)

(Augsburger Allgemeine – 2.01.07)

Briten zementieren ihren Ruf als Sauftouristen
Es waren die Hiobsbotschaften dieses Sommers, die geholfen haben, den Ruf britischer Touristen als einer Horde betrunkener Randalierer zu zementieren. . . . „Sie kreischen, singen, fallen hin, ziehen ihre Klamotten aus, kleiden sich wie Transvestiten und erbrechen sich“, formulierte Konstantinos Lagoudakis (Bürgermeister von Malia auf Kreta) kürzlich. „Und es sind nur die Briten – nicht die Deutschen oder Franzosen.“. . .
Simon Gass (britischer Botschafter) schob eine Teilschuld an den „Vorfällen“ den Bars zu, die mit Billigalkohol ganze Standorte in Partymeilen verwandeln. Malia auf Kreta, Kavos auf Korfu, Lagana in Zakynthos und Faliraki auf Rhodos sind mittlerweile Sex- und Saufziel Nummer eins bei britischen Teenagern – und ein „modernes Sodom und Gomorrha“ für die Einheimischen.
Jene „Vorfälle“, wie es der Diplomat nett formulierte, sorgten in England überwiegend für Amüsement: Alkohol im Urlaub gilt eben als Ventil für ein Jahr im Hamsterrad. . . .

(Augburger Allgemeine© – 29.8.08)


Verhaltensforschung: Hat der Mensch einen freien Willen?

Objektiv betrachtet sind wir nicht frei!
. . . Wir überlegen und entscheiden uns - subjektiv frei - , dies oder jenes zu tun. . . . Objektiv allerdings entscheiden wir aufgrund der zahlreichen individuellen Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens sammelten, ferner aufgrund der Erziehung, die wir genossen und die uns das reiche Kulturgut der Gemeinschaft tradierte, der wir angehören. In die Überlegungen gehen die Werthaltungen ein, denen wir aufgrund religiöser und politischer Indoktrinierung anhängen, und schließlich spielen die uns als biologisches Erbe vorgegebenen Programmierungen (Motivation) bei der Entscheidungsfindung eine große Rolle. Wir denken nach und bemühen uns um einsichtige Problemlösungen, aber unsere Entscheidungen werden durch vielerlei Ursachenverknüpfungen bestimmt. Insofern sind wir also nicht frei. . . . Aber was wir unmittelbar als Freiheit erleben, ist etwas ganz anderes: Es ist die soziale Freiheit. Wir fühlen uns frei, wenn wir aufgrund unseres eigenen Willens ohne Einschränkung durch andere entscheiden können. . . . Es geht also im Grunde um die Freiheit von Bevormundung durch Mitmenschen, um die Erhaltung des eigenen Handlungsspielraumes, den man nicht durch andere eingeengt wissen will. . . .
(Der Mensch - das riskierte Wesen, Irenäus Eibl-Eibesfeld, 1988)

 
 
 
 

Weitere Zitate zum Thema

 
 

 

Ist der Mensch ein Herdentier?
Tatsächlich haben Studien gezeigt, dass viele Menschen sofort ihr Verhalten korrigieren, wenn es auffällig vom Durchschnitt abweicht. Sie wollen sich in der Sicherheit der Masse wiegen. Dieses Bedürfnis, zum Durchschnitt zu gehören, ist im menschlichen Gehirn verankert, fanden Verhaltensforscher der Emory University School of Medicine in Atlanta heraus. Mit Gehirn-Scans wiesen sie nach, dass völlig unterschiedliche Hirnregionen aktiv sind, je nachdem, ob man sich der Meinung und dem Verhalten der Mehrheit angleicht oder ob man eine Einzelposition einnimmt.
In einem Test sollten die Versuchspersonen entscheiden, ob zwei gedrehte Objekte identisch oder verschieden waren. Dabei wurden sie vorher über die Meinung der restlichen Teilnehmer informiert. Die waren jedoch von den Versuchsleitern angewiesen worden, eine falsche Antwort zu geben. Versuchsteilnehmer, die sich der falschen Meinung anschlossen, zeigten überraschend eine Aktivität im Okzipitallappen – einer Gehirnregion, die allein für die optische Wahrnehmung zuständig ist und nicht etwa für höhere Denkleistungen. Die Probanden hatten sich also der Mehrheitsmeinung nicht angepasst, weil ihnen ihr Sonderstatus peinlich gewesen wäre. . . . Und was passierte im Gehirn der Versuchspersonen, die sich selbstbewusst gegen die Meinung der Mehrheit stellten? Ihr Urteil erzeugte eine Aktivität im Mandelkern, einer Gehirnregion, die für die Verarbeitung von Emotionen und Stress zuständig ist.
. . . Der Drang, zum Durchschnitt zu gehören, ist nach Ansicht des Sozialpsychologen Wesley Schultz von der California State University auch der Grund dafür, dass viele Kampagnen gegen Rauchen, Trinken oder Energieverschwenden ohne großen Erfolg sind. Normalerweise weiß man gar nicht, was der Durchschnittsmensch tut. Doch die Kampagnen geben mit einem mal eine Richtschnur. Viele Menschen, die mehr als der genannte Durchschnitt rauchen, trinken oder Energie verbrauchen, schränken sich zwar in der Folgezeit ein. Doch andere, die sich zuvor mustergültig verhalten hatten, hören nun den Lockruf der Mehrheit – und nähern sich deren Verhalten an.
(An der Hälfte der US-Universitäten gab es in den letzten Jahren Aktionen gegen die ausufernden Trinkgelage. Dabei zeigte sich der geschilderte Effekt)

(bdw© - 1/08; Herdentrieb spart Energie)

 
 

 

Konformität – Milgram-Studie
. . . Stanley Milgram hat die berühmte Studie zum Thema Gehorsam durchgeführt. Wir stellen uns vor, wir befinden uns in folgender Situation: Sie haben sich freiwillig für ein psychologisches Experiment gemeldet und sitzen eines Abends in Dr. Milgrams Büro. Ein Student ist bereits dort. Dr. Milgram bedankt sich bei Ihnen beiden, dass sie freiwillig an dem Experiment teilnehmen wollen, und dann erläutert er, dass es bei diesem Experiment um die Auswirkungen der Bestrafung (Elektroschocks) auf das Lernen geht. Einer von Ihnen wird der Lehrer und der andere der Lernende sein. Die Rolle wird verlost – das Los entscheidet, dass Sie der Lehrer sein werden und der andere der Lernende. . . .

Bevor Milgram dieses Experiment startete, hat er einige Psychiater nach ihrer Einschätzung gefragt, welcher Prozentsatz der Probanden wie weit gehen würde. Die Psychiater (von denen wir annehmen, dass sie sich mit verrücktem Verhalten auskennen) schätzten, dass die meisten Menschen bei 150 Volt stoppen würden (wenn der Lernende darum bittet, dass das Experiment abgebrochen wird), dass nur vier Prozent bis 300 Volt weitermachen würden und nur ein Prozent bis zum Maximum (450 Volt) gehen würde. In Milgrams Untersuchung gingen 62 % der Teilnehmer bis zum Maximum.
(www.social-psychology.de : Grundlagen der Sozialpsychologie – Konformität)

. . . Was Stanley Milgram seinen Versuchspersonen im Jahr 1961 antat, darf heute kein Forscher in der westlichen Welt mehr - und seien seine Absichten auch noch so lauter. Nun wurde die Studie über Gehorsam und Gnadenlosigkeit in einer Light-Version (150 Volt) wiederholt. Und wieder zeigte sich, wie leicht Menschen dazu gebracht werden können, andere zu quälen. Wie in der Originalstudie ging es eigentlich nur darum, einen "Schüler" - der in Wahrheit ein Helfer des Forschers war - mit Bestrafung zum besseren Lernen von Wortpaaren zu bringen.
Milgrams legendäres Experiment veränderte das Selbstbild der Menschheit auf Dauer, weil er mit einer schlichten Methode vorführte, wie leicht normale Menschen zu Folterknechten gemacht werden können, zu gehorsamen Erfüllungsgehilfen einer zerstörerischen Autorität. Der Großteil seiner Versuchspersonen verteilte Elektroschocks, bis eine vermeintliche Versuchsperson im Nebenraum zunächst vor Schmerzen brüllte und dann plötzlich, aber dauerhaft verstummte. (30 - 450 Volt, Bestrafung steigend!)
"Das Experiment erfordert, dass Sie weitermachen", sagte der Herr im weißen Kittel, und die Versuchspersonen drückten noch einmal auf den Knopf. Wollte der Proband erneut abbrechen, sagte der Versuchsleiter: "Es ist unbedingt notwendig, dass Sie weitermachen." Und die Mehrheit tat das auch. Auch wenn der durch jeden Knopfdruck vermeintlich mit Elektroschocks traktierte "Schüler" im Nebenraum schon schrie, scheinbar vor Schmerzen. . . .

(www.spiegel.de/wissenschaft/mensch : Spiegel Online – 19.12.08)

„La Zône Extreme“ – die Milgram-Studie in Form einer Fernsehquizshow
(Die neue Studie wurde von Forschern in Frankreich durchgeführt. Die Versuchspersonen wähnten sich in der Testsendung für eine neue Quizshow. Sie erteilten simulierte Strömstöße von 20 bis 460 Volt, falls der Schauspieler in seiner Kabine eine Frage falsch beantwortete. 81 Prozent der Kandidaten gingen bis zur höchsten Voltzahl.)
. . . Die Idee zu dem Experiment hatte der Filmemacher Christophe Nick, sein Dokumentarfilm „Spiel des Todes“ über die vermeintliche Quizshow wird heute Abend im französischen Fernsehen ausgestrahlt. . . . Der Filmemacher Nick übertrug das Experiment in die heutige Fernsehwelt. Seine Schlussfolgerung: „Das Fernsehen kann fast jeden dazu bringen, alles zu machen. Das ist eine erschreckende Macht.“ Die 80 Kandidaten nimmt Nick dagegen in Schutz: „Man merkt: Sie wollen das nicht machen. Sie versuchen alles, um die Moderatorin dazu zu bringen, das Spiel abzubrechen.“ Trotzdem: „Sie gehorchen und gehen bis zum Ende.“ Geld spielt keine Rolle, denn es gab nur eine Aufwandsentschädigung für die Teilnahme, aber kein Preisgeld.

(Augsburger Allgemeine – 17.03.10)

 
 

 

Die Kultur ist die Software, die wir auf die Hardware Gehirn aufspielen
(Bayerns Innenminister Joachim Herrmann forderte ein Herstellungs- und Verbreitungsverbot von Gewaltspielen. Die Augsburger Allgemeine führte ein Interview über mediale Gewalt mit Professor Dr. Manfred Spitzer)
. . . Spitzer: Wenn Elefanten durch den Busch rennen, entsteht ein Trampelpfad. Das ist wie im Gehirn. Pfade, die begangen wurden, sind ausgetreten. Alle Erfahrungen werden gespeichert, wir merken uns das Allgemeine dahinter.
Was konkret hat das mit medialer Gewalt zu tun?
Spitzer: Stellen Sie sich einen 18-Jährigen vor, dem in seinem Leben 200 000 Gewalttaten durch den Kopf gerauscht sind, da entstehen Trampelpfade im Gehirn. Eine Studie zeigt, dass nur vier Prozent aller Konflikte im Fernsehen friedlich gelöst werden. Bei 50 Prozent tut die Gewalt nicht weh, in 70 Prozent der Fälle kommen die Täter davon.
Was ist das Allgemeine daran, das wir uns merken?
Spitzer: Unser Hirn sagt: Es gibt viel Gewalt, selten eine Alternative, sie tut nicht weh und man kommt davon. Das kann nicht an uns vorbeigehen. Es ist nicht egal, was wir mit dem Gehirn machen. In der Folge führt mediale Gewalt zu mehr realer.
Ist das belegbar?
Spitzer: Ja, eine Studie aus den USA über 700 Familien zeigt, dass Fernsehschauen die Gewaltbereitschaft erhöht. Eine andere zeigt, dass Menschen nach dem Konsum von Killerspielen fünfmal länger brauchen, anderen zu helfen als die Vergleichsgruppe ohne Videospiele.
. . . Senken Gewaltspiele die Hemmungen?
Spitzer: Davon kann man ausgehen, wenn man bedenkt, dass die ersten Programme dazu vom US-Militär entwickelt wurden, um die Hemmungen der Soldaten, auf Körper zu schießen, zu senken. Den Soldaten musste beigebracht werden, reflexartig draufzuhalten.. . .
Die Kultur ist die Software, die wir auf die Hardware Gehirn aufspielen. Wenn wir das dem Markt überlassen, kann es nicht gut gehen. Wenn erst die Gehirne einer ganzen Generation vermüllt sind, dann war es das!

(Augsburger Allgemeine – 16.04.2010)

Weiteres Interview mit Hirnforscher Manfred Spitzer zum Thema "Lernen und Gewalt" unter "Der Tagesspiegel". (Herr Spitzer, von Ihnen stammt die Aussage, dass wir Westeuropäer in 30 Jahren die T-Shirts für China nähen werden . . .)

Vortrag von Prof. Manfred Spitzer mit dem Titel "Vorsicht Bildschirm" unter "Google Videos" (Dauer: 86 Minuten)

 
 

 

Wer an die Willensfreiheit glaubt ist ein besserer Mensch!
. . . Eine Forschergruppe um den Psychologen Roy Baumeister von der Florida State University hat in einer noch unveröffentlichten Studie untersucht, wie sich das Infragestellen des freien Willens auf Aggressivität und Hilfsbereitschaft auswirkt. 56 Probanden bekamen zunächst 15 Aussagen vorgesetzt, die entweder neutral waren oder den freien Willen anzweifelten. Dann wurden sie aufgefordert, einem anderen Probanden einen kleinen Imbiss mit mehr oder weniger Chili zuzubereiten, wobei ihnen mitgeteilt wurde, dass der Betreffenden scharfes Essen nicht mögen würde. Die Propaganda für den Determinismus förderte auch diesmal gemeines Verhalten: Die Testpersonen dieser Gruppe servierten ihren Schützlingen etwa doppelt so viel scharfe Sauce wie die Probanden in der neutralen Kontrollgruppe.
Auch die Bereitschaft, Menschen aus der Patsche zu helfen, hat etwas mit der Einstellung zum freien Willen zu tun. Die Psychologen bearbeiteten zunächst die Hälfte von 70 Probanden durch einen einschlägigen Text. Dann bekamen beide Gruppen Szenarien vorgelegt, die Menschen in verschiedenen Notlagen zeigten. Abgefragt wurde die Neigung, dem Pechvogel zur Seite zu stehen. Fazit: Die Freiheitsgegner äußerten eine wesentlich geringere Bereitschaft, sich für die Notleidenden einzusetzen als die anderen. Offenbar handelt es sich bei dem Glauben an einen freien Willen um eine positive „Illusion“, die im Alltag nützt. Das dachte auch Immanuel Kant: Er hielt die Freiheit für eine notwendige Voraussetzung dafür, dass der Mensch die Gebote der Vernunft als gültig ansehen kann. . . .
(Eine weitere Studie kommt zu ähnlichen Ergebnissen: Probanden mit erschüttertem Glauben an die Willensfreiheit neigten eher zu kleinen Betrügereien als die Kontrollgruppe, denen ein neutraler Text vorgelegt wurde.
Psychologen der Universität Chemnitz befragten 2000 Psychologen, Hirnforscher und Biologen nach ihrem Standpunkt zur Willensfreiheit. 80 Prozent dieser Wissenschaftler glauben an die Willensfreiheit – zumindest an eine schwache Form, die mit dem Determinismus vereinbar ist.)

(bdw© – 6/08; Wer’s glaubt wird Ehrlich)

 
 

 

Britische Atheisten rüsten auf
. . . Hier (London) haben Atheisten 800 Busse mit einer Botschaft versehen: „Wahrscheinlich gibt es keinen Gott. Hör auf zu grübeln und genieß das Leben.“
Seit gestern rollen Londoner Doppeldeckerbusse mit der Botschaft auf vier Routen durch die Hauptstadt, 600 weitere sollen landesweit folgen, Tausende U-Bahn-Plakate befinden sich derzeit noch in Druck. Ideengeberin und Comedy-Autorin Ariane Sherine präsentierte die Atheisten-Kampagne als „beruhigende Alternative zu den ganzen religiösen Slogans im öffentlichen Raum, die Nichtchristen mit Hölle und Verdammung drohen“. Unterstützung erhält Sherine unter anderem von Richard Dawkins, einem bekannten britischen Atheisten. „Überall im Land werden wir mit religiösen Botschaften bombardiert“, so Dawkins, „wir wollen die Leute beruhigen: Es ist durchaus okay, nicht gläubig zu sein.“. . .
(Auch Atheisten in Spanien, Italien und USA haben die Idee aufgegriffen. In Barcelona wurden bereits Busse mit der Botschaft versehen.)

(Augsburger Allgemeine© – 8.1.2009)

 
 

 

Fußball ist unser Leben – gebären für den Fußballclub
. . . Das Gräberfeld des HSV-Friedhofes, terrassenförmig angelegt wie eine Stehplatzkurve, liegt hinter den Tribünen – ein stilechter Abpfiff für ein Leben im Zeichen des Fußballs.
In Hannover zäumt man des Pferd von der anderen Seite her auf. Hier gebärt, wer es mit Hannover 96 hält, den Nachwuchs neuerdings in einem entsprechend hergerichteten Kreißsaal des Friederikenstifts. Einer von vier Geburtsräumen ist dort in den Vereinsfarben Schwarz, Grün und Weiß bemalt, drapiert sind kleine Fußbälle und Stollenschuhe in Größe XXS. Zur Präsentation weilte Vereinspräsident Martin Kind im Diakoniekrankenhaus, wo der Mannschaftsarzt von Hannover 96 auch Chefarzt ist, und erklärte das Zusatzangebot des Vereins: Auf Wunsch der Eltern wird das Baby für ein Jahr kostenlos 96-Mitglied sowie mit einem Babystrampler im Klubdesign versorgt. „Wir hoffen, damit zusätzliche Fans gewinnen zu können“, sagte Kind laut Hannoverscher Allgemeiner Zeitung; außerdem wolle der Verein „Kinder frühzeitig für den Fußball motivieren“. . . .

(Süddeutsche Zeitung – 19.03.10)

 
 

 

Emotionaler Ausnahmezustand während der Fußball-WM in Südafrika
Zunächst einmal: Wir haben nichts gegen Argentinien. Ja, wir sind sogar Freunde des Landes, seiner Menschen, seiner Produkte. Argentinisches Steak: schmeckt uns gut. Argentinisches Leder: Steht uns gut. Lionel Messi: gefällt uns am besten, hätten wir gerne in der Bundesliga. Und schließlich die argentinische Gastfreundschaft: hat schon so mancher Deutsche gesucht und gefunden. . . . Die deutsch-argentinische Freundschaft der Neuzeit muss heute allerdings ruhen. Wir müssen es in aller Deutlichkeit sagen: Heute wollen wir euch Argentinier weinen sehen. Das ist nicht Persönliches, nichts Grundsätzliches. Heute ab 16 Uhr, herrscht einfach Ausnahmezustand.
(Deutschland besiegte Argentinien im Viertelfinale mit 4:0)

(Augsburger Allgemeine – 3.7.2010)

(Berlin/München) . . . Bis in die Nacht zum Sonntag feierten die Menschen auf den Straßen weitgehend friedlich. „Finale, ooohhooo, Fiiinaaaale“, riefen sie etwa auf der Münchener Leopoldstraße oder „Oh, wie ist das schön“ im Olympiastadion der bayerischen Hauptstadt. In Berlin, wo rund 300 000 Menschen zur größten Fanmeile strömten, setzten die Triumphfahrten der Auto-Jubler die Innenstadt matt. Ob rund um den gesperrten Kurfürstendamm, der zur Fußgängerzone wurde, oder in Kreuzberg – die Menschen lehnten sich aus ihren Autofenstern mit Fahnen in Schwarz-Rot-Gold.

. . . Buenos Aires Cry form me, Argentina: Nach dem WM-Aus gegen Deutschland flossen bei Millionen Fans im Land des zweimaligen Weltmeisters Tränen. . . . Nach dem dritten deutschen Treffer können viele beim Public Viewing in Buenos Aires das Treiben auf dem Bildschirm nicht mehr mitansehen. Die Masse beginnt sich aufzulösen, die Leute ziehen mit gesenkten Köpfen davon. Wer bleibt, steht mit versteinertem Gesicht da, manche weinen, halten einander in den Armen und klopfen sich tröstend auf die Schultern.
(Augsburger Allgemeine – 5.7.2010)

(Paris – gemeinsam leiden) . . . Im Jahr 1882, als sich das Fußballspiel seine Regeln gerade erst erfand, hielt der große französische Gelehrte Ernest Renan an der Pariser Sorbonne einen hellsichtigen und bald berühmten Vortrag über die Frage, was eigentlich eine Nation sei. „Wie der einzelne“ sagte Renan damals, „ist die Nation der Endpunkt einer langen Vergangenheit von Anstrengungen, von Opfern und von Hingabe.“ Die Nation drehe sich um den gemeinsamen Ruhm in der Vergangenheit, sie speise sich aus einem „gemeinsamen Wollen“ in der Gegenwart. Renan sagte: „Gemeinsam Großes vollbracht zu haben und es noch vollbringen wollen – das sind die wesentlichen Voraussetzungen, um ein Volk zu sein.“
Das französische Volk fragt sich gerade, nach einer guten Woche tragikkomischer Wirren, ob zumindest den Mitgliedern seiner Fußball-Nationalmannschaft das „gemeinsame Wollen“ abhanden gekommen ist. Der klägliche Auftritt der Equipe Tricolore in Südafrika wird als kollektive Schmach empfunden, als nationale Blamage, aufgeführt vor Hunderten Millionen Zuschauern in aller Welt.
. . . Es geht um Fußball, also um die Nation. Und die Franzosen erleben gerade das schwarze Gegenteil eines Moments, wie ihn Deutschland 1954 im legendären Berner Wankdorf-Stadion erlebte.
(Frankreich schied in der Vorrunde sieglos aus. Vor dem letzten Spiel wurde ein Streit mit dem Trainer öffentlich ausgetragen.)
. . . Es darf als wahrscheinlich gelten, dass politische Redner die mageren Vorstellungen der Equipe bald auch damit erklären werden, dass mit den zu Multimillionären aufgestiegenen Vorstadtkindern im Nationaltrikot eben doch kein Staat zu machen sei. Dass es den schwarzen Nationalspielern am zugehörigen Nationalstolz mangele. Dass sie doch nicht so richtig zum französischen Volk gehörten. Dies wäre die schlimmstmögliche Wendung der Dinge, ein wahrhaft tragischer Fallout eines Fußballturniers, das die Menschen einander näher bringen will.
Um sie zu vermeiden, sollten die Franzosen auf ihre eigenen Gelehrten hören, auf Ernest Renan, der in seiner Rede über die Nation auch den tröstlichen Gedanken äußerte, dass das gemeinsame Leiden ein Volk am Ende mehr eint als die Freude. „Die nationalen Erinnerungen und die Trauer“, sagte Renan, „wiegen mehr als die Triumphe, denn sie erlegen Pflichten auf, sie gebieten gemeinschaftliche Anstrengungen.“

(Der Spiegel – 26 / 2010)

(Madrid – dem Land Mut einimpfen / Spanien wurde durch ein 1:0 gegen Holland Weltmeister) . . . „España, España“, hallt es durch die Straßen, fahnenschwenkende Fan-Gruppen ziehen durch die Innenstadt Madrids. Die Flut aus roten Fußballhemden, Miniröcken und rot-gelb-roten Fahnen hat die Drei-Millionen-Stadt fest im Griff. Flaggengeschmückte, wild hupende Autokorsos legen den Verkehr lahm.
Sekunden nach dem Schlusspfiff am Sonntagabend war die Freunde buchstäblich explodiert: Die Menschen stürmten aus den Häusern umarmten sich, tanzten und trompeteten. Zur berühmten Kalinka-Melodie sangen sie: „Ich bin Spanier, Spanier, Spanier.“ Das Volk entdeckt seinen Patriotismus wieder, welcher seit der Francodiktatur (bis 1975) verschüttet war.
Die nationale Partlaune treibt wilde Blüten: Jungendliche hüpfen über Fahrzeugdächer und Motorhauben. Andere fordern mit der Fahne herankommende Autos zum Stierkampf heraus. Müllcontainer werden zu Samba-Trommeln. Ein Polizist klettert einen Laternenpfosten empor und hisst eine Nationalflagge.
. . . Der amtierende sozialistische Ministerpräsident José Luis Zapatero, dessen Regierung nach schlechtem Krisenmanagement wackelt, stimmt derweil dankbar in das Jubelkonzert ein: „Das war ein heldenhafter Sieg, der wird in die Geschichte eingehen.“ Und er bekennt: „Nach dem Schlusspfiff habe ich geweint.“
Es sei ein Sieg der Hoffnung, befindet Zapatero, der dem Land Mut einimpfen könne. „Das wird dem Vertrauen und dem Selbstbewusstsein des Landes guttun. Vielleicht die lahmende Wirtschaft wieder ankurbeln, dem ersehnten Wachstum auf die Beine helfen.“ Schließlich sei Spanien, die glorreiche Sportnation, nun in aller Munde. . . .

(Augsburger Allgemeine – 13.7.2010)

 
 

 

Das Dschungelkind
. . . Im Alter von fünf Jahren zog sie mit ihren Eltern, die als Missionare und Sprachforscher arbeiteten, in den Dschungel von West-Papua, fern jeder modernen Zivilisation.
In den abgelegenen Wäldern ist das Leben noch fast wie vor 10 000 Jahren. In der Welt der Fayu gibt es kein fließendes Wasser, kein Geld und keine Schrift. Das Essen wird mit allen geteilt, einfache Kleidung wird aus Baumrinde und Fellen hergestellt . . . Es ist ein beschauliches Leben. Erst im Alter von 17 Jahren verließ Sabine Kuegler dieses Leben, verließ sie ihren Dschungel und ging in die Zivilisation. Später schrieb sie ihre Erinnerungen auf, die jetzt fürs Kino umgesetzt werden. . . . Die heute 37-Jährige genießt den Ausflug in den Urwald. Man merkt Sabine Kuegler fühlt sich hier zu Hause und ist stolz darauf.
(Sie arbeitet bei den Dreharbeiten als Beraterin)
. . . In den Pausen gesellt sie sich lieber zu den Papua und trinkt lauwarmes „Gras Jelly“ – ein Getränk mit glibberigen Gelee-Stückchen, das nach Zucker, Erde und etwas Kokosnuss schmeckt. Für den europäischen Gaumen eine echte Herausforderung. Viele Jahre, nachdem sie dem Dschungel der Fayu den Rücken gegehrt hat, ist es für Sabine Kuegler immer noch nicht einfach, sich den Lebensweisen der westlichen Welt anzupassen.
. . . „Ich musste so vieles lernen“, sagt Sabine Kuegler. Als junge Frau hatte sie panische Angst vor Autos, wusste nicht wie man Zug fährt, und war überfordert vom reichhaltigen Angebot im Supermarkt. „Obwohl ich mir viel Mühe gebe, so zu sein wie alle anderen, ecke ich dennoch an. In Deutschland wird großer Wert auf Individualität gelegt – ich dagegen bin eher ein Herdentier. Ich bin es gewohnt, alles zu teilen, und Distanz zu Menschen, die ich mag, ist mir fremd. Wenn man sich bei den Fayu gerne hat, dann ist es üblich, den Finger des anderen in den Mund zu nehmen und zärtlich darauf herumzukauen.“ Keine Frage, Sabine Kuegler ist „das Dschungelkind“ geblieben. . . .

(Augsburger Allgemeine – 19.7.2010)

 
 
Gruppendruck und Mitläufer
. . . Menschen besitzen die eigentümliche Gabe, auf kollektive Glaubenssysteme hereinzufallen – die jeder für sich allein ablehnen würde.
. . . Im ersten Versuch (des Psychologen Dale T. Miller, Stanford University) bekamen 52 Personen die Aufgabe, die Qualität von drei angeblich unterschiedlichen Weinproben zu testen. In Wirklichkeit waren die Proben A, B und C identische Weine, allerdings hatte man Probe C durch die Zugabe von Essig ungenießbar gemacht. Die Probanden absolvierten den Test entweder solo oder in einer öffentlichen Runde mit vermeintlich anerkannten Weinexperten, die mehrheitlich Probe B als „ungenießbar“ abkanzelten. Fazit: Auf sich alleine gestellt erkannten fast alle Teilnehmer Probe C korrekt als schlechten Tropfen. Unter Gruppendruck ließ sich jedoch eine Mehrheit von 53 Prozent ein „Iii...“ für ein „Mmm...“ vormachen und erteilte Probe B die rote Karte. Und nicht nur das: Ausgerechnet die Konformisten, die scheinbar Essig in Wein verwandelt hatten, hackten hinterher in der Gruppendiskussion am heftigsten auf der „Unfähigkeit“ der Abweichler herum, die auf dem richtigen Urteil C bestanden hatten.
In einem weiteren Experiment wurden 76 Probanden beauftragt, den intellektuellen Gehalt eines soziologische Textes zu begutachten, der in einem geschwollenen Ton verfasst war. De facto handelte es sich um Auszüge aus einem Manuskript, das der amerikanische Physiker Alan Sokal 1996 bewusst unsinnig zusammenmontiert und bei der für ihre postmoderne Ausrichtung bekannten Zeitschrift „Social Text“ zur Veröffentlichung eingereicht hatte. . . . Die Zeitschrift druckte den Text unbeanstandet in einer Sondernummer ab
Der Versuch ging mit den gleichen Modalitäten von statten und das Ergebnis war ziemlich genau das gleiche, wie bei dem Versuch mit dem saueren Wein.
In einem dritten Versuch beurteilten 50 Juroren die Glaubwürdigkeit der Versuchspersonen während der anschließenden Gruppendiskussion. Ergebnis: Die Konformisten wirkten im allgemeinen glaubwürdiger als die Standhaften.

. . . Die Studienleiter erklärten das folgendermaßen: Die Teilnehmer, die „umkippen“ und sich der Norm unterwerfen, sind unsicher und versuchen das zu überspielen, indem sie nach außen besonders resolut auftreten. Sie stehen unter Beweisdruck: Die anderen könnten ja merken, dass sie sich angebiedert haben. Daher spielen sie sich auf Teufel komm raus als Vertreter des wahren Glaubens auf, was ihnen Unbeteiligte abkaufen.

(bild der wissenschaft – 4/2011)
 
 
Priming – Suggestive Beeinflussung
. . . EXPERIMENT: Zwei Gruppen von Studenten sollten aus vorgegebenen Wörtern Sätze bilden. Bei der einen tauchten in der Auswahl Wörter wie „vergesslich“, „kahl“, „grau“ oder „Runzel“ auf, die eher mit Senioren assoziiert werden, bei der anderen nicht. Diejenigen mit dem an das Alter gemahnenden Vokabular bewegten sich anschließend messbar langsamer.
FAZIT: Wörter können unbewusst unser Verhalten durch die Vorstellungen steuern, die sie hervorrufen. . . .

(Spiegel Gespräch mit Daniel Kahneman, Psychologe und Nobelpreisträger:)
. . . Spiegel: . . . In Ihrem neuen Buch schildern Sie, wie leicht sich die Breitschaft der Menschen, Geld in die Kaffeekasse zu zahlen, steigern lässt . . .
Kahneman: … ja, Sie müssen nur dafür sorgen, dass das richtige Bild über der Sparkasse hängt. Blickt ein Augenpaar von der Wand, zahlen die Menschen doppelt so viel ein wie bei einem Blumenbild. Wer sich beobachtet fühlt, handelt moralischer.
. . . Spiegel: Lässt sich mit solchen Mitteln auch Politik machen?
Kahneman: Selbstverständlich. Man kann zum Beispiel nachweisen, dass alles, was die Menschen an ihre Sterblichkeit erinnert, sie gehorsamer macht.
Spiegel: Wie etwa das Kreuz über dem Altar?
Kahneman: Zum Beispiel. Die Theorie, die sich mit der Wirkung der Angst vor dem Tod befasst, hat sogar einen Namen: die Terror-Managment-Theorie. Aber es gibt auch andere Symbole. Alles, was mit Geld zu tun hat – und seien es nur Dollarzeichen als Bildschirmschoner -, sorgt dafür, dass Menschen stärker auf eigene Interessen bedacht sind, dass sie anderen weniger helfen wollen.
Spiegel: Das Priming wirkt offenbar bevorzugt zugunsten der politischen Rechten.
Kahneman: Andersherum funktioniert es natürlich genauso. Es gibt zum Beispiel ein Experiment, bei dem zwei Gruppen von Probanden ein Spiel spielen. Bei der einen heißt es „Gemeinschaftsspiel“, bei der anderen „Wettbewerbsspiel“. Im einen Fall werden die Leute hilfsbereit, im anderen egoistisch – und das obwohl es beide Male dasselbe Spiel ist.
Spiegel: Gibt es den keinen Weg, solchen Einflüsterungen zu entrinnen?
Kahneman: Zumindest ist es nicht einfach. Denn das Problem ist ja, dass wir nichts von diesen Einflüssen merken.
. . . System 2 dagegen steht für Vernunft, Selbstkontrolle und Intelligenz.
Spiegel: Also für unser bewusstes Ich?
Kahneman: Genau. System 2 bin ich, also derjenige, der glaubt, die Entscheidungen zu fällen. In Wirklichkeit allerdings ist der Einfluss von System 1 enorm – ohne dass sie sich dessen bewusst wären. Sie werden gewissermaßen regiert von einem Fremden, ohne dass sie es merken. System 1 entscheidet, ob Ihnen ein Mensch gefällt, welche Gedanken oder Assoziationen Ihnen durch den Kopf schießen und welche Gefühle sie empfinden. All das kommt automatisch, Sie haben keine Kontrolle darüber. Und doch müssen Sie Ihr Handeln darauf gründen.
. . . System 2 hingegen ist faul und springt nur an, wenn es sein muss. Bewusstes Denken ist aufwendig, und deshalb leisten wir und das nur selten. Das langsame, bewusste Denken ist harte Arbeit, es verbraucht chemische Ressourcen im Gehirn, der Körper gerät in Aufruhr, der Herzschlag beschleunigt sich, die Schweißdrüsen treten in Aktion, die Pupillen weiten sich . . .
(Wodurch die Forscher bei ihren Versuchen das Maß der geistigen Anstrengung messen konnten.)

(Der Spiegel 21/2012)

 
 


Moral Licensing

. . . Menschen, die etwas Nettes getan haben, glauben, dass es ihnen danach zusteht, etwas weniger Nettes zu tun. (Benoît) Monin (Psychologe, Stanford University) hat in einem Experiment festgestellt, dass Menschen eher sexistische oder rassistische Meinungen äußern, wenn sie sich zuvor aufgeklärt und vorurteilsfrei geben konnten. Dadurch bleibt ihr Selbstbild als gut handelnder Mensch trotz des Verstoßes intakt.
Die Psychologin Nina Mazar und Chen-Bo Zhong von der University of Toronto untersuchten, wie sich Probanden verhielten, die gerade ein „grünes“ Produkt erstanden hatten. Machte es aus ihnen generell einen „besseren Menschen“? Das überraschende Fazit: Wenn man etwas gekauft hat, das ein gutes Gewissen erzeugt, verrechnet man das in seiner inneren Bilanz. Die Probanden verhielten sich in einem anschließenden Kooperationsspiel nicht etwa sozialer, sondern egoistischer.
Eine Untersuchung der Psychologin Sonya Sachdeva von der Northwestern University in Illinois weist in eine ähnliche Richtung. Sie ließ Probanden gegen Bezahlung eine Selbstdarstellung schreiben, die entweder ihre angenehmsten oder ihre unangenehmsten Persönlichkeitszüge enthielt. Diejenigen, die über ihre netten Eigenschaften berichtet hatten, rückten hinterher nur einen von ihren zehn Dollar für einen guten Zweck heraus. Wer sich hingegen mit seinen Schattenseiten beschäftigt hatte, glich seine moralische Bilanz durch eine großzügigere Spende von durchschnittlich 5,30 Dollar aus.
. . . Moralische Grundsätze führen oft nicht dazu, dass man moralisch handelt, sondern nur dazu, dass man so erscheint. Wenn es möglich ist, dem Eigeninteresse zu frönen, ohne die moralische Fassade zu gefährden, geben die meisten Menschen dem Ruf der Selbstsucht nach. . . .
(Dieser Sachverhalt ist u.a. auch ein Grund dafür, dass im Supermarkt das Obst und Gemüse am Eingang angeboten wird, während Süßigkeiten, Zigaretten und Alkohol an der Kasse stehen. Prozentangaben bezüglich des Verhaltens der Probanden sind in dem Artikel nicht aufgeführt.)

(bild der wissenschaft – 6/2012)

 
 

 

(Copyright für Illustration, die Zusammenstellung der Zitate und den kursiven Text: Günther Geiger/2004. Weitere Erklärung zum Copyright-Vermerk© unter Satire-Übersicht)

 
 
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